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Reisetagebuch Rom

Einleitung

Liebe Freund*innen von „Kölner Musikgeschichten. Postmigrantische Kulturen erforschen, verorten und vernetzen“, 

wir freuen uns mit Ihnen und Euch unser Reisetagebuch zur Exkursion „Rom transkulturell“ zu teilen. Vom 6. bis 13. Januar waren wir in Rom unterwegs, und unser Programm umfasste Besuche von Orten des historischen und heutigen Musiklebens der Stadt, für die Transkulturalität und Migration eine Rolle gespielt hat oder noch spielt. Was das genau heißen konnte und kann, war Thema unserer Gespräche untereinander und mit Personen bzw. Institutionen, denen wir im Laufe der Woche begegnet sind. 

Unser Dank geht an Dott. Alessandro Cosentino  und Prof. Dott. Serena Facci des ethnologischen Instituts der Universität Tor Vergata/Rom,  sowie Chören, Bands und Padres der indischen und kongolesischen Gemeinde, Prof. Dr. Jörg Bölling der Universität Hildesheim, Annavaleria Caffo von den vatikanischen Museen/Renaissance, Rektor Peter Klaasvogt am Campo Santo Teutonico, Prof. Dr. Petra Terhoeven und PD Dr. Vera Grund und ihren Mitarbeiter*innen am Deutschen Historischen Institut/Musikhistorische Abteilung, unseren Gastgeber*innen Ursula Bonetti, Roberto Picchini und Usama Saad. Besonders danken möchte ich unseren Studierenden für ihre Offenheit, Interesse und Gesprächskompetenz und das wertschätzende Miteinander, und meinem Projektteam aus Benjamin Bosbach, Hannah Kopp, Emilio Klinke, Soudabeh Samiei und Laura Steinle für stete Unterstützung, Zusammenhalt und kleinere bis mittelgroße Wunder. 

Sabine Meine

Der Tag startete für uns um 10 Uhr und ganz klassisch mit der S-Bahn in Richtung Flughafen. Dort lief überraschend alles glatt: Self-Check-in ohne großes Drama. Zur Belohnung und Stärkung für den langen Reisetag gab es erst einmal einen Kaffee. Lufthansa zeigte sich großzügig und verteilte uns auf dem Flug nach München zwei Schokis – eindeutig der inoffizielle Gönner des Tages und Höhepunkt des Vormittags.

Nach einer kleinen Stärkung in München waren wir bereit für das große Finale: Rom. Bei der Ankunft meldete sich dann kurz das Reisechaos – Emilios Koffer hatte schon mal bessere Zeiten gesehen. Zum Glück ließ sich das Problem schnell lösen.

Sabine holte uns ab und freute sich so sehr, dass jede Müdigkeit kurz vergessen war. Und dann kam schon unser erster offizieller Programmpunkt in der ewigen Stadt: natürlich Essen, denn ohne Essen kein richtiger Italien-Start.

Am Ende des Tages waren wir zwar komplett erledigt, aber glücklich angekommen. Nach so viel Bewegung, Schokolade, kleinen Dramen und viel Freude blieb nur noch der Einzug in unsere Quartiere und ein Programmpunkt offen: Schlafen. Und dies wurde sehr konsequent umgesetzt.

Laura & Hannah

Schild am Flughafen
Flugzeug

Müde, aber motiviert starteten wir früh in den Mittwoch: Um 7:15 Uhr ging es durch den römischen Berufsverkehr zur Papstaudienz. Während Benjamin heldenhaft die Karten organisierte, stärkten wir anderen uns mit Cornetto und Caffè – beste Voraussetzungen für den päpstlichen Segen.

Nach dem Security-Check nahmen wir im hinteren Drittel des Auditoriums Platz. Hinter dem Papstsessel beeindruckte die monumentale Skulptur La Resurrezione von Pericle Fazzini: Jesus, der aus einem durch eine nukleare Explosion aufgerissenen Krater aufersteht. Diese ungewöhnliche Darstellung, ein metaphorischer Kreuzersatz, war irritierend, faszinierend und blieb besonders im Gedächtnis.

Die Wartezeit überbrückten internationale Pilgergruppen singend, besonders eine slowakische Gruppe mit Akkordeon sorgte für Stimmung. Die leicht chaotische Atmosphäre machte die Audienz überraschend lebendig. Als es schließlich losging, wurden zahlreiche Gruppen begrüßt, zu unserer Überraschung auch wir. Der restliche Teil bestand größtenteils aus Übersetzungen der päpstlichen Worte: interessant, aber der Kaffeedurst meldete sich erneut.

Umso schöner war der Gang hinaus in die Sonne Roms und ein Gespräch bei Kaffee und Snack. Nach einer gemeinsamen Reflexion im Park nutzten wir die Umgebung für einen Spaziergang, bevor es, wieder mit Koffeinbedarf, zum Deutschen Historischen Institut (DHI) ging. Dort wurden wir herzlich empfangen und konnten uns intensiv über unser Forschungsprojekt sowie die Arbeit des Instituts austauschen. Das DHI, gefördert von der Max-Weber-Stiftung, forscht interdisziplinär auf internationalem Niveau. Wir lernten unter anderem PD Dr. Vera Grund, Prof. Dr. Petra Terhoeven sowie Dr. Eleonora Di Cintio und Dr. Elisa Novara kennen, die ihre Projekte vorstellten, darunter „Tanz/Musik Digital“ und „Transnationale Kompositionsmethoden des 19. Jahrhunderts – die ‚Schule‘ von Salieri“. Prof. Dr. Sabine Meine, die früher am Institut tätig war, stellte unser Projekt ebenfalls vor.

Nach rund zwei intensiven Stunden verließen wir das Institut: der Kopf voller Eindrücke, der Magen leerer, aber bereichert durch einen ebenso dichten wie inspirierenden Tag.

Samira & Aliya

Audienzhalle
Vortragsraum Deutsches Historisches Institut in Rom

Der Tag begann für uns um 10.30 Uhr mit einem Treffen an der Kirche San Luigi dei Francesi, der Kirche der französischsprachigen Gemeinde in Rom. Dort gab uns Benjamin einen spannenden inhaltlichen Input und stimmte uns auf die kunsthistorischen Besonderheiten des Ortes ein. Im Inneren der Kirche nahmen wir uns anschließend ausführlich Zeit, die berühmten Caravaggio-Gemälde zu analysieren und über ihre Bildsprache, Symbolik und Wirkung zu diskutieren.

Im Anschluss machten wir uns auf den Weg zur Santa Maria dell’Anima, der Kirche der deutschsprachigen Gemeinde. Auch hier konnten wir die besondere Atmosphäre des Ortes auf uns wirken lassen, bevor wir uns eine kurze Mittagspause gönnten, die vor allem intensiv zum Kaffeetrinken genutzt wurde.

Gestärkt trafen wir uns danach am Kapitol, wo auch Jörg Bölling zu unserer Gruppe dazustieß. Gemeinsam sprachen wir über den Salon Helbig und ordneten dessen Bedeutung historisch und kulturell ein. Zum Abschluss stellte Bölling noch einige Bücher vor, die für den folgenden Tag noch eine wichtige Rolle spielen sollten.

Den ereignisreichen Tag ließen wir schließlich ganz entspannt bei einer gemeinsamen Pizza ausklingen, zufrieden mit den vielen Eindrücken, Gesprächen und neuen Perspektiven, die uns dieser Tag in Rom beschert hat

Sabrina & Emilio

 

Unsere Touren gingen heute in die Altstadt, dafür konnten wir den Bus nehmen und zu Fuß unterwegs sein, und es ging zum Glück nicht ganz so früh los. Das Wetter hat auch mitgespielt.

Unser erster Treffpunkt war an San Luigi dei Francesi, schon seit dem 17. Jahrhundert Nationalkirche der Franzosen, was auch im Stadtraum um die Kirche deutlich wird – nebenan die französische Buchhandlung und ein institut français. Andere wichtige französische Einrichtungen sind aber anderswo in der Stadt, zum Beispiel die Villa Medici über der spanischen Treppe oder die Ecole Francaise de Rome im Palazzo Farnese nahe dem Campo dei fiori.

Unser Guide war Benjamin, der uns erzählt hat von den Beziehungen des römischen Komponisten Luigi Rossi zum französischen Königshof im 17. Jahrhundert, die er durch sein Promotionsprojekt zu Lamenti, Klagegesängen der Zeit, kennen gelernt hat. Rossi sollte eine Oper für den französischen König Louis XIII schreiben, was dann aber nicht zustande kam. Wir haben über diese Beziehungen zwischen italienischer Barockmusik und französischen Auftraggebern und über das Patronagesystem gesprochen, in dem Künstler*innen auf die Gunst von meist höfischen Förderer*innen angewiesen waren. Und standen dabei vor einer der vielen Kapellen in der Kirche. In der Regel sind sie mit Gemälden durch bedeutende, vermögende Familien ausgestattet worden, die sich in den Kapellen bestatten ließen.

Direkt vor uns guckten wir auf ein Gemälde der Heiligen Cäcilie, die als Musikheilige eine gewisse Fortuna gemacht hat, zum Beispiel durch den Renaissancemaler Raffael oder die Bewegung des Cäcilianismus, die sich erst viel später für eine konservative katholische Kirchenmusik stark machte und auch eine neue Renaissance-Mode mit sich brachte. Die Cäcilie vor unseren Augen war eine eher schlechte Kopie des Raffael-Gemäldes von Guido Reni, aber für uns war sie ein Einstieg, zusammen Gemälde zu betrachten und dahinterzukommen, was sie uns sagen können. Aufregender waren für uns die Gemälde von Caravaggio, der für die französische Nationalkirche in der vorderen Seitenkapelle links eine ganze Kapelle mit drei Gemälden dem Heiligen Matthäus gewidmet hat – sein erster bedeutender Auftrag mit 28 Jahren zum Heiligen Jahr 1600. Ich fand es bewegend, dass wir zusammen den – sicher bewusst gesetzten – Uneindeutigkeiten der Bibelgeschichten um die Berufung und das Martyrium Matthäus‘ auf die Spur gekommen sind und uns auf die kontrastreiche Hell-Dunkel-Dramaturgie von Caravaggio und ihre auch heute noch verstörend gesellschaftskritischen Bedeutungswelten einlassen konnten. Ich wünsche mir manchmal, dass uns Musik vergangener Epochen ähnlich direkt wie die visuellen Künste kritische Diskurse eröffnen kann. Caravaggio sind wir Montag nochmal in der Basilica Sant Agostino begegnet, für die er sechs Jahre später eine „Madonna del Loreto“ gemalt hat, mit der der Maler uns über realistisch gemalte dreckige bloße Füße für die blanke Armut von Pilger*innen sensibilisiert.

Wir waren vor der Kaffeepause auch noch in der Nationalkirche der deutschen Katholiken, nahe Piazza Navona, in Santa Maria dell’Anima, die ebenso prachtvoll und dicht ausgestattet ist und auch eine touristische Attraktion ist, wie wir auch durch die eher konservativ gestimmten Nachbar*innen in der Bar nebenan gemerkt haben, wo wir uns bei Cappuccino erholt haben.

Die Barocktour haben wir noch mit einigen durch S. Ignazio und später Il Gesù abgerundet und uns ein wenig über die Geschichte der Jesuiten, die katholischen Reformen im barocken Rom und anderswo unterhalten.

Heute Nachmittag waren wir auf dem Kapitol. Das Wetter hat mitgespielt, wir haben beim Gruppenfoto Sonne im Gesicht; da hatten wir uns schon Mythos und Geschichte von Romulus und Remus und die Gründung der Stadt auf diesem Hügel in Erinnerung gebracht, bevor wir uns auf den „Rücken“ des Kapitols begeben haben.

Von hier aus wird klar, wie privilegiert die Position des Musik- Salons von Nadine Helbig im späten 19. Jahrhundert war. Warum ausgerechnet hier? Einige Jahrzehnte zuvor hatte man ein archäologisches Institut hierher verlegt, und Nadine ist 1865 mit ihrem Mann dorthin gezogen, der zweiter Sekretär des Instituts wurde. Sie selbst brachte dorthin einen Pleyel-Flügel mit, der offenbar der einzige damals in Rom war, eine gewisse Attraktion für Pianisten also. Nadine selbst spielte passioniert Klavier, hatte u.a. bei Clara Schumann Unterricht gehabt und brachte familiär bedingt offenbar genug Vermögen mit, um den Salotto des archäologischen Instituts mit einem guten Flügel auszustatten.

Vor sich Richtung Kolosseum sah es noch ländlich aus, mit Ruinen hier und da, aber die Ausgrabungen der Foren waren in vollem Gang. Franz Liszt wohnte in Fußnähe, er wurde regelmäßiger Gast und brachte seine Schüler mit. Nebenan zog einige Jahre später Robert von Keudell in den Palazzo Caffarelli ein, preußischer Gesandter am Heiligen Stuhl, später Botschafter des Deutschen Kaiserreichs. Ein passionierter Pianist. Nachmittags übte er und bereitete Abendmusiken vor, mit seiner Nachbarin Nadine Helbig zusammen. Es wurde mehr als ein Salon, der Ort wurde auch öffentlich bespielt, und es gab hier für das damalige Rom ungewohntes Repertoire zu hören, auch Neudeutsche Schule von Schumann bis Wagner.

Wir haben über diese kulturpolitischen Konstellationen auf diesem zentralen Stadthügel gesprochen. Standen dafür auf der Terrasse der kapitolinischen Museen, wo früher der Thronsaal der Botschaft war.

Mit von der Partie war schon unser Guide für den Folgetag, Prof. Dr. Jörg Bölling, Kirchenhistoriker an der Uni Hildesheim, ein Kollege und Spezialist für das liturgische Zeremoniell in der päpstlichen Kapelle der Renaissance, der schon lange genau geplant hatte, uns am nächsten Tag durch die 'Sistina' zu führen. Aber wer mit dem Vatikan zu tun hat, muss sich auf Überraschungen einstellen, mit denen der hierarchische Apparat seine Autorität sichert. Wegen Taufzeremonien war die sixtinische Kapelle kurzfristig gesperrt worden für Freitag. Da halfen weder langfristige Planungen noch Vitamin B. Wie ärgerlich! Auch natürlich für meinen Kollegen Jörg Bölling, der extra aus Hildesheim mitten im Hochschulalltag angereist war unseretwegen.

Sabine (Meine)

San Luigi dei Francesi
Caravaggio-Gemälde
Caravaggio-Gemälde
Ankündigung Liszt-Abend
Thronsaal im Palazzo Caffarelli

Durch die guten Beziehungen unseres Guides Jörg Bölling zum Vatikan wurden wir heute morgen für die Absage der Führung durch die sixtinische Kapelle entschädigt durch eine Privatführung über den Friedhof der Deutschen im Vatikan, den Campo Santo Teutonico. Und im Anschluss standen wir zwar nicht in der sixtinischen Kapelle, aber in der Wohnung des Borgia-Papstes Alexander VI, im Saal der sieben freien Künste, mitten in den vollen vatikanischen Museen. Es ist sehr anstrengend sich die Besucherströme wegzudenken, und sich atmosphärisch auf diese historischen Räume einzulassen, keine Frage. Für mich war es der rote Mantel von Serafino aus Aquila, der uns auf einem Gemälde dieses Saales wie ein Wegweiser zeigte, dass und wie hier früher Musik gemacht wurde, vor mehr als 500 Jahren. Serafino muss man sich wie einen Singer songwriting-Star im Hofleben um 1500 vorstellen: er hat zu seinen Gedichten gesungen und auf der Laute gespielt, ist als Künstler durch ganz Italien getourt und wurde vielfach imitiert, was in Drucken festgehalten wurde, als er längst gestorben war.  

Der Vatikan war für uns kaum ein Ort um frei diskutieren zu können, die Zeit war auch bemessen, der Ort voll. Und der geladene Kollege wollte seine seit langer Zeit vorbereiteten Inputs für diesen Tag zumindest ansatzweise an uns und unsere Gäste, auch aus dem Vatikan-Netzwerk weitergeben können.

Es stellt sich nun die Frage, wie transkulturell Musikpraxis am Papsthof um 1500 sein konnte. Unter Alexander VI., also bis 1503, bestand eine gewisse Liberalität und Internationalisierung in der Kapelle. Der spanische Borgia-Papst gab sephardischen Juden eine Stimme. Man berichtete damals, dass sie besonders gut Lamentationes singen könnten, da ihre Vorfahren bei der Kreuzigung Christi in Jerusalem zugegen gewesen seien. Und einige Kapellmusiker waren damals eben auch Frankoflamen, wofür heute der Name Josquin Desprez steht. Seinen Namen hat er vermutlich selbst in die Rückwand der Sängerkanzel der „sistina“ enblematisch eingeritzt, das hat man vor dem Heiligen Jahr 2000 freigelegt.

Grosso-modo war Rom vor 1527 recht durchlässig für reguläre Überschreitungen gesetzter Normen, also vor der gewaltvollen Plünderung der Stadt durch die kaiserlichen Truppen Karls V. Und später im 16. Jahrhundert sorgten die katholischen Reformen für stärkere kulturelle und soziale Restriktionen. Das betrifft eben z.B. auch das Musikleben von Kurtisanen, um das es Montag dann ging.

Wenn ich unsere Feldforschungsbrille aufsetze und den Besuch im Vatikan Revue passieren lasse, hat mich negativ das starke Gendering beeindruckt, das wir erlebt haben. Männer unter sich, das ist auch 2026 möglich und ich nehme an, im Vatikan eher Standard. Bei unserem heutigen Besuch im Vatikan haben sich männliche Kollegen sicht- und hörbar gemacht, für die Studierenden und auch mich war es eher schwer, sich rhetorisch einzubringen. Das haben wir unter uns und andernorts ganz anders erlebt, und wenn ich ein Highlight aus der Woche mitnehme, dann die Diskussionskompetenz unserer Gruppe. Freitag hat uns dann vor allem eine weibliche Kollegin der Vatikanischen Museen mit leiser und kompetenter Stimme aus der Klemme geholfen. Sie ist konkret auf meine Bitte eingegangen und hat uns – für Montag – trotz allem noch Zugang zur sixtinischen Kapelle verschafft, ohne dafür wertvolle Energie mit Schlangestehen verlieren zu müssen.

Auch nach Ende des Heiligen Jahres ist Rom noch ganz schön katholisch, das blieb für uns auch noch weiter ein Thema.

Sabine (Meine)

 

Unter bewölktem Himmel begeben wir uns um halb 10 zum Vatikan, wo wir eine halbe Stunde später verabredet sind. Aus der hohen Mauer, die ihn umgibt, sprießen einige Pflanzen, vermutlich ungewollt, heraus. Stets jedoch überwacht von hoch über uns stehenden Videokameras.

Vor dem Eingang befindet sich ein Zelt, in dem ein Soldat mit Maschinenpistole steht. Um zum Eingang zu gelangen, müssen wir uns durch eine schleusenartige Sicherheitskontrolle begeben, durch die die Menschen schubartig getrieben werden. Innerhalb des Gebäudes überfällt einen ein Schwall an Signalen und Reizen. Diese, zumeist in Signalfarben, weisen den weiteren Weg ins Gebäude. Auf einem Bildschirm, unter dem sich einem der Schriftzug „Samsung“ aufdrängt, ist ein Abbild des Papstes zu erkennen, wie er seine Hände, ähnlich einem Segen, über die Menge erhebt. Mir stellt sich die Frage, wen er da segnet. Bin ich es? Sind es alle Menschen in diesem Raum? Sind es nur die Gläubigen? Oder ist es doch jene Firma selbst?

Nach einigen weiteren Sicherheitskontrollen, die denen eines Transitortes ähnlich sind, gelangt die Gruppe zu einer Treppe, die sich spiralförmig nach oben schlängelt. Geländer und Boden sind dem Anschein nach aus Marmor, der dem Gebilde eine gewisse Schwere verleiht. In regelmäßigen Abständen nun befinden sich Kunstobjekte aus verschiedensten Kulturen unterschiedlicher Kontinente. Diese sollen wohl Interkulturalität symbolisieren, werfen jedoch zugleich Fragen nach ihrer Provenienz auf. Klebte auf den Ausstellungsstücken wohl einst Blut und wurden sie danach sorgfältig gesäubert und neu poliert hier aufgestellt? Wurden sie Menschen gewaltsam entrissen? Oder handelt es sich doch um Geschenke einer konvertierten Kultur? Abschließende Antworten auf diese Fragen konnten wir auch bei der späteren Reflexion nicht finden.

Im Inneren nun erhalten wir eine Führung von Jörg Bölling, der uns in einem prunkvoll geschmückten ehemaligen Studierzimmer (studiolo) Alexanders VI. über damals dort herrschende Musizierpraxen unterrichtet. Klar ist dabei, dass diese damals herrschende Praxis zugleich eine Praxis der Herrschenden war. Die Wände und Decken des Raumes sind unterteilt in unterschiedliche Disziplinen, von denen eine auch die der „Musica“ ist. Die Darstellung ist stark stilisiert, aber sie spielt auf Musikpraxis um 1500 in diesem Raum an.

Wir lernen über die Bedeutung von päpstlichen Wappen zu dieser Zeit und deren Manifestation in der Architektur des Gebäudes, und wir erhalten einen differenzierteren Eindruck der später, so Bölling, künstlich herabgesetzen Epoche des Papsttums von Alexander VI. Und wir lernen über das interkulturelle Vermögen dieses spanischen Papstes im Vergleich zu den darauffolgenden Regentschaften, in denen über Jahrhunderte Italiener unter sich blieben.

Beim Verlassen des Gebäudes werden wir erneut von Pfeilen, Signalfarben und Schriftzeichen in unterschiedlichen Sprachen zum Ausgang gelenkt. Auf dem Weg hätten wir T-Shirts oder Tassen mit der Erschaffung Adams kaufen können. Dabei stets die Warnung: Dieser Bereich ist videoüberwacht! (Hütet euch, hier zu klauen).

Zum Schluss leitet uns ein weiteres Schild eine andere, der ersten ähnlichen Wendeltreppe hinunter. Dieses Schild wirkt so bezeichnend für diesen in den letzten Jahrzehnten wohl fundamental gewandelten Ort, dass sein Schriftzug auf mich persönlich wie eine Art modernes Mantra, ein neues Glaubensbekenntnis wirkt: „Ich glaube an den Kapitalismus, Amen.“

Anton

Mauer des Vatikan
Bildschirm, auf dem der Papst zu sehen ist
Ausstellungsstücke in den vatikanischen Museen
Deckenmalerei in den vatikanischen Museen
Schild Videoüberwachung in den vatikanischen Museen
Verkaufsständer in den vatikanischen Museen
Wegweiser in den vatikanischen Museen

Am Morgen trafen wir uns zum Frühstück, um die vergangenen Tage gemeinsam zu reflektieren. Vor allem die verschiedenen Eindrücke in den vatikanischen Museen sorgten für einen angeregten Austausch. Gemeinsam diskutierten wir die verschiedenen Stationen der vergangenen Tage und ordneten sie in den Kontext unserer Exkursion ein. 

Anschließend führte Sabine uns in die Bischofskirche Roms – die Lateranbasilika, in der wir über die Geschichte des Komponisten Palestrina sprachen, der an dieser Kirche Kapellmeister war. 

Unser Hauptprogrammpunkt des Tages war allerdings der Besuch der indischen Gottesdienstgemeinde in der Basilica Sant’ Anastasia al Palatino. Zusammen mit unserem Guide Alessandro besuchten wir dort deren Gottesdienst im syro-malabarischen Ritus. Nachdem wir die Gelegenheit hatten ausgiebig mit dem Pfarrer, sowie den Musikern der Kirche zu sprechen, ging der insgesamt fast zweistündige Gottesdienst los. Neben den vielen neuen Eindrücken warteten viele Überraschungen, wie z.b. die enorme Lautstärke der Musik, oder die klirrende Kälte in der Basilika, die uns doch sehr herausforderten. 

Mehr als nötig hatten wir dann eine heisse Schokolade im Café nebenan und das anschließende Abendessen in Kleingruppen. Heisse Schokolade, italienische Antipasti und die angeblich beste Pizza Roms… Beste Voraussetzungen für eine ruhige Nacht! 

Moritz 

Nach einem typischen „Caffè al bar“ haben wir uns am Sonntag, unserem sechsten Exkursionstag, vor der Kirche Santa Maria del Suffragio getroffen, um die katholische Messe der kongolesischen Gemeinde in Rom zu besuchen. Vor Ort wurden wir herzlich von dem Padre, den Musiker*innen und weiteren Gemeindemitgliedern empfangen. Glücklicherweise hatten wir erneut den Ethnologen Alessandro Cosentino an unserer Seite, der die Musik der kongolesischen Gemeinde bereits seit langer Zeit erforscht und uns dadurch viel über den Hintergrund der Gemeinde, ihre Gläubigen und die musikalische Gestaltung der Messe erzählen konnte.

Anschließend begann die Messe, die sich in Ablauf und Inhalt durchaus mit den katholischen Messen vergleichen lässt, die wir aus Deutschland kennen. Die musikalische Gestaltung unterschied sich jedoch deutlich: Es gab eine ganze Band mit klassischen Instrumenten wie Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass sowie einen Chor, die die Messe musikalisch begleiteten. Bei den angestimmten Liedern sang die Gemeinde meist mit, und auch wir gaben unser Bestes mithilfe von Liedblättern mitzusingen. Auffällig war außerdem, dass sich viele Gemeindemitglieder zur Musik bewegten, ein wenig mittanzten, dabei klatschten und auch uns kräftig dazu animierten, mitzumachen. Besonders eindrucksvoll war das letzte Lied, bei dem viele Gemeindemitglieder nach vorne strömten und zur Musik tanzten, sodass die Messe in einem freudigen Fest endete.

Nach der Messe gingen wir noch mit Gemeinde- und Chormitgliedern und Gastwissenschaftler*innen gemeinsam essen. Das war eine tolle Gelegenheit, intensiver ins Gespräch zu kommen und mehr über die Gemeinde und ihre musikalische Praxis zu erfahren. Da die Messe fast drei Stunden gedauert hatte und das gemeinsame Essen ebenfalls etwa zwei Stunden in Anspruch nahm, war das offizielle Programm danach beendet, und wir konnten den restlichen Tag nach unseren individuellen Wünschen ausklingen lassen.

Teresa

Der Tag heute startete für einige von uns mit einem zügigen Frühstück to go. Dann ging es zunächst mit den Öffis zur Basilica di Sant Agostino, an der bereits Sabine auf uns wartete um uns von der spannenden Kurtisanen-Kultur Roms zu erzählen. Ein weiteres Caravaggio Gemälde wartete in der Kirche auf uns und wir waren begeistert mit welchen kunsthistorischen Details Sabine uns mal wieder überraschte. Ein weiteres Highlight in der Basilica war die Orgel, die Moritz und Benjamin ausprobieren konnten.

Himmlische Klänge erfüllten die Basilica und wir machten uns anschließend auf den Weg zur besten Eisdiele Roms: Giolitti. Mit Eis in der Hand haben wir alle mitgefiebert, ob wir wohl noch eine zweite Chance in der sixtinischen Kapelle bekommen würden und tatsächlich: es hat geklappt.

So haben wir den Nachmittag in den vatikanischen Museen verbracht und die unheimlich beeindruckenden Schätze des Vatikans bestaunt. Natürlich auch mit einem kritischen Auge. Nach dem auch anstrengenden Gewusel in den Museen waren wir froh, den Rest des Tages in der Sonne zu genießen bevor es zur letzten Lagebesprechung in unsere WG ging. Nach dem Zusammentragen unserer Eindrücke der letzten zwei Tage haben wir diese wunderschöne Reise in einer grandiosen Pizzeria ausklingen lassen und fallen nun müde und zufrieden in unsere Betten, um morgen unsere Rückreise anzutreten.

Anne

Gruppe vor der Basilika Sant'Agostino
Gedichte der Kurtisane Tullia d’Aragona, 1510-1556
Parrasio Micheli, Musikalische Unterhaltung, um 1560/1570