Die Studentin Marie Deregowski gibt uns in ihrem Beitrag einen einzigartigen Einblick in ihre klangliche Wahrnehmung von Istanbul. Während der Exkursion in die türkische Metropole begann sie, bewusst auf die akustischen Eindrücke der Stadt zu achten. In ihrem Text reflektiert sie, wie ihre persönliche und akademische Perspektive ihre Wahrnehmung der Klänge beeinflusste und wie diese Wahrnehmung mit visuellen Eindrücken und Erinnerungen verflochten war. Durch gezielte Handyaufnahmen sammelte sie eine Vielzahl von Geräuschen – von religiösen Gesängen bis hin zu den alltäglichen Geräuschen der Stadt –, die sie in einer Soundcollage vereinte. Diese Sammlung gibt nicht nur einen akustischen Eindruck der Stadt wieder, sondern ist auch eine persönliche Erinnerung, die mit jedem erneuten Hören neue Entdeckungen und Gedanken aufwirft:
In der Vorbereitung auf unsere Exkursion nach Istanbul sprachen wir oft darüber, inwiefern uns unsere persönliche „Brille“ – unsere (universitär) angelernte, aber auch ganz individualgeschichtliche Perspektive – in der Auseinandersetzung mit musikwissenschaftlicher Forschung natürlicherweise beeinflusst. Der „Brillen“-Metapher ist zunächst eine eher visuelle Konnotation inhärent. Und in den Tagen in Istanbul machte die visuelle Wahrnehmung der türkischen Metropole natürlich auch den ersten, sehr unmittelbaren Eindruck auf mich.
Die Eindrücke, die meinen Gehörsinn betrafen, erreichten mich viel weniger direkt, obwohl ich als Musikstudentin in diesem Sinn doch sehr zu Hause sein sollte. Ich musste meine Wahrnehmung ganz bewusst darauf lenken. Nach und nach fiel mir jedoch immer mehr auf, dass „spannend klang“ – meist, weil es „anders“ war oder „neu“ und auf diese Weise meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich begann, unterwegs mit Handyaufnahmen ein paar dieser Dinge spontan einzufangen (der erste, selektive Schritt der Konstruktion meines „akustischen Istanbuls“): Es sind Aufnahmen von Muezzin-Rufen dabei, von (türkischer) Straßen- und Barmusik, von Gesängen im armenisch-orthodoxen Gottesdienst, Verkehrsgeräuschen, Menschenstimmen, der Müllabfuhr, Katzengejaule und Hundegebell...
Die gesammelten Sound-Schnipsel sind im Nachhinein natürlich viel mehr als „nur“ Sound: Bei jedem Anhören fallen mir neue Dinge auf, die im Moment der Aufnahme gar nicht in meinem Fokus gewesen waren; gleichzeitig sind mit den Geräuschen und Klängen immer auch Bilder, Erlebnisse und Gedanken verknüpft, sodass das Hör-Erlebnis nie ein rein auditives und nie dasselbe ist. Die entstandene Soundcollage ist somit eine bruchstückhafte, stichwortartige Klang-Notiz meiner Erfahrung der Tage in Istanbul, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und zugleich unbegrenzt ist in den Wahrnehmungsmöglichkeiten bei jedem erneuten Hören.